6.06.2012 Veröffentlicht von Torsten in Sonstiges, Spezial

Brauchen wir eigentlich einen EM-Song?

Zu jedem Fußballgroßereignis gehört ja mittlerweile auch ein eigener Song. Zur bevorstehenden Fußballeuropameisterschaft gibt es ebenfalls schon wieder entsprechendes Liedgut. Normal ärgere ich mich über Radiosender, die über Monate den Eindruck erwecken, nur eine CD-Kompilation mit 20 Stücken in der Schublade der Musikredaktion zu haben, um daraus das tägliche Programm zu bestücken. Momentan bin ich fast dankbar über diese Eintönigkeit.

Soccer © DS Visionen Fotolia.com
Ich habe mich nämlich kürzlich mal gefragt, ob es überhaupt einen Song für die EM 2012 gibt und begann bedauerlicherweise zu recherchieren. Ich hätte es besser wissen sollen! Begleitendes Tonmaterial zu großen Fußballtournieren muss ein paar einfache Regeln befolgen: Der Song sollte lateinamerikanische Rhythmen enthalten. Das baut eine Brücke dorthin, wo die vermeintlichen Gottkaiser des Fußballs herkommen. Ein Mitgrölpart, á la "Olé – Olé – Olé", oder so ähnlich, der auch bei einem Alkoholpegel von 1,8 Promille und einem IQ von unter 80 noch funktioniert, ist ein MUSS! Im Musikvideo tanzen ein paar leicht bekleidete Dirnen, die zwar andere Instinkte stimulieren, der Sache (dem Verkauf) aber dennoch förderlich sein könnten. Schließlich benötigt man einen Künstler, der einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, sich aber trotzdem für dieses Vorhaben hergibt, obwohl dieser weiß, dass es zwar dem Image schadet, aber dennoch vielleicht ein paar Extra-Euros in die Kasse spült. Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine wird sogar von verschiedenen Interpreten vertont. Allen voran ist der offizielle UEFA-Song "Endless Summer" von Oceana. Oce-wer??? Es sollen doch bekannte Künstler sein! Oceana ist eine Soul-Sängerin, die in Polen und in der Ukraine so bekannt ist, wie Shakira oder vergleichbare Goldkehlchen. Ach so! Dann haben wir als nächstes unseren huttragenden Swingbarden Roger Cicero, der für den DFB den atypischen Song "Für nichts auf dieser Welt" intoniert. OK, gleich zwei Songs, denkt der mündige Bürger. Es kommt aber noch dicker! Das ZDF schmeißt eine weitere Nummer ins Rennen. Hierbei handelt es sich um eine osteuropäisch angehauchte Version des Neunziger-Hits "I Like To Move It", die von einer Kapelle namens Los Colorados rausgeschmettert wird. Das Original von Reel 2 Real war schon grenzwertig, aber jetzt wird die Grenze geknackt… Coca Cola hat auch einen eigenen Song, Irland schickt die überzuckerten Zwillinge von Jedward ins Rennen und an dieser Stelle habe ich meine Recherche zum Selbstschutz abgebrochen! Auch wenn die, in Monotonie und Tristesse verfallenen Radiosender die offiziellen, halboffiziellen und inoffiziellen Songs kaum bis gar nicht in ihr Programm implementieren, kocht der eine oder andere gar sein eigenes Süppchen und nötigt Moderatoren mit schiefer Stimme zur Darbietung hauseigener EM-Lieder, welche oftmals einer Körperverletzung verdächtig nahe kommen. Ich erspare Euch Beispiele!

Die Überschrift dieses Artikels, stellt ja die Frage, ob wir einen EM Song überhaupt brauchen? So wie es aussieht, brauchen wir offensichtlich eine ganze Batterie davon. Scheinbar wollen viele Leute ihren Profit aus dem Fußball-Ereignis schlagen. Die Songs spielt zwar keiner, aber Hauptsache, sie sind da. Das ist wie der Schuss aus einer Schrotflinte. Eine Kugel trifft vielleicht, aber die meisten verfehlen ihr Ziel! Naja, das ZDF wird wohl seinen Nerv-Song über das Maß der Zumutbarkeit ins laufende Programm einwerfen und an der eigenen Zielgruppe vorbeischießen. Normale Einsätze im Radio dürften jedoch auch bei der Nummer überschaubar bleiben. Echte Fußball-Fans würden sich diese kalkulierten EM-Songs vermutlich sowieso nicht kaufen, da selbige ja eher zu Fan-Devotionalien greifen, die die Deutschlandflagge in jeder erdenklichen Form wiedergeben, um den eigenen Patriotismus breitflächig zu demonstrieren. Dass diese Produkte vermutlich zu 98% aus asiatischer Produktion kommen; geschenkt! Was dem Deutschen recht ist, ist dem Asiaten billig, oder umgekehrt. Es geht schließlich darum, nach gewonnen Spielen der deutschen Elf, mit der tiefergelegten Rest-TÜV-Karre seine Freude über den errungenen Sieg auf offener Straße lautstark auszuleben und dabei die Straßenverkehrs-Ordnung kurzzeitig auszublenden. Dafür sind seichte Swing- und Poplieder einfach nicht geeignet. Die Bassrutschen in den Autos wollen schließlich mit harten Beats gefüttert werden. Zudem würden radiotaugliche Töne doch nur beim Dauerhupen stören. Schließlich muss man fairerweise auch noch an alle die denken, die selbstlos den Klang ihrer durchdrehenden, abreibenden Reifengummis ertönen lassen, um ihren Beitrag zum Gelingen der Feier beizusteuern. Und aus den alkoholbenetzten Kehlen ertönt dazu ein steinzeitliches "Deutschlaaaand, Deutschlaaaand, Deutschlaaaaand, Deutschlaaaand…" Wer braucht da noch einen EM-Song? In diesem Sinne: Gutes Gelingen!

Autokorso Deutschland WM2010


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